Eine Lobby für Öko-Start-ups

Ohne einen radikalen Lebenswandel ist die Katastrophe vorprogrammiert

DerStandard Kolumne Philippe Narval

  • Philippe Narval ist Generalsekretär des Europäischen Forum Alpbach, er hat Solawi bei Ö1 und auf dem Forum kennengelernt

12. Oktober 2020, 07:00

Wie schmecken Ihnen Mehlwürmer? Legen Sie auch schon ein Schäuferl Sägemehl auf Ihre Toilette, anstatt mit Trinkwasser zu spülen? Und ernten Sie nicht nur Basilikum vom Balkonkistl, sondern arbeiten regelmäßig in einem Gemeinschaftsgarten mit?

Auch wenn das heute noch ungewöhnlich klingen mag: In wenigen Jahren wird dies zu unserem Alltag gehören. Anstatt krisenanfälliger, teurer und CO2-intensiver Lieferketten werden wir regionale Versorgungsnetzwerke aufbauen. Anstatt Entsorgungsprobleme zu verursachen, werden wertvolle Ressourcen im Kreislauf zirkulieren. Anstatt übermäßigem Fleischkonsum aus Massentierhaltung, die nicht nur den Amazonas vernichtet, werden wir neue Proteinquellen erschließen. Wir haben auch ehrlich gesagt keine andere Wahl! Ohne einen radikalen Lebenswandel ist die Katastrophe vorprogrammiert. Die gute Nachricht: Junge Unternehmer und Unternehmerinnen schaffen bereits neue Wirtschaftsmodelle, die unsere Umwelt schonen und Folgekosten nicht auf kommende Generationen abwälzen.

Insektenburger sind in Österreich verboten. Foto: APA/dpa/Friso Gentsch

Als Jurymitglied einer Ö1-Initiative habe ich einige von ihnen vor kurzem kennengelernt. Da perfektionierten engagierte, junge Weinviertler eine geruchsfreie Komposttoilette für ihr Musikfestival. Heute bauen und verleihen sie diese Ökotoiletten, die aus unserer Hinterlassenschaft wertvollen Dünger erzeugen. Andernorts entstehen Initiativen der solidarischen Landwirtschaft. Menschen tun sich zusammen, um gemeinsam Gemüse anzubauen, versorgen in kleinteiligen Strukturen ihre Mitglieder. In Wien entwickelt ein Start-up schmackhafte Nahrungsmittel aus Insekten. Von altem Brot, das bei Bäckereiketten tonnenweise anfällt, ernähren sich zum Beispiel Mehlwürmer, aus denen dann Insektenprotein wird. Dabei wird kein Wasser verbraucht, kein klimaschädliches Methan ausgestoßen, es entsteht essenzielle Nahrung in einer Kreislaufwirtschaft.

Veraltete Regulierungen

Auszeichnungen haben viele der Öko-Start-ups schon bekommen, doch davon können sie nicht leben. Was es braucht, sagen Gründer, ist nicht nur mehr öffentliches Bewusstsein: Sie brauchen Nutzer und Nutzerinnen. Oft stehen veraltete Regulierungen im Weg. Die Kompostverordnung hat das effiziente Verarbeiten menschlicher Ausscheidungen zu wertvollem Dünger noch nicht im Blick. Insekten darf man hierzulande nur verkaufen, wenn sie noch als solche erkennbar sind. Was in Schokolade gehüllt mittlerweile als Spezialität gilt, ist zum Burger verarbeitet als „Konsumententäuschung“ verboten. Hier könnte eine einfache gesetzliche Änderung Abhilfe schaffen. Anders als bei Jungbauern und Jungbäuerinnen gibt es keine Förderung bei der Übernahme des Hofs durch einen Verein. Dass eine Landwirtschaft im Kollektiv als Gemeinschaftsbesitz geführt wird, ist für den Gesetzgeber wohl noch gewöhnungsbedürftig.

Die Öko-Start-ups haben eben keine Lobby; noch nicht. Wollen Sie mithelfen? Fragen Sie bei Ihrem Supermarkt, wann es endlich den Insektenburger gibt! Engagieren Sie sich in einer solidarischen Landwirtschaft in Ihrer Nähe – oder kaufen Sie dort ein. Und ja, ich lasse mir bei einer nötigen Hausrenovierung Komposttoiletten einbauen, weil uns in einer Zukunft mit knapper werdenden Ressourcen unsere Hinterlassenschaften nicht egal sein werden. (Philippe Narval, 12.10.2020)

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