LESEPROBE aus: Paradise lost

Agrarwende von unten (S.354-358)


In der aktuellen Klimadebatte werden die Potenziale einer radikalen Agrarwende von unten noch zu wenig thematisiert. Die Rückbesinnung auf Polykultursysteme als lokale Stoffströme, wie sie die Menschheit die längste Zeit ihrer pflanzenbaulichen Karriere anlegte, hätte einen größeren ökologischen Effekt als jede isolierte Energie- oder Verkehrswende – allein schon, weil sie einen Großteil des heutigen Energieverbrauchs, zum Beispiel für die Kunstdünger- und Pestizidproduktion sowie des motorisierten Verkehrs, etwa durch den Transport zu den Zwischenhändler*innen und Endverbraucher*innen, überflüssig machen würde. Viel entscheidender aber ist, dass eine solche Form der Landwritschaft nicht nur eine erhebliche Verringerung des Treibhausgasausstoßes bedeutete, sondern dass sie auch gigantische Mengen an CO2 bände.

Sie könnte also vom größten Emittenten zur entscheidenden Kohlenstoffsenke werden, indem sie den Menschen wieder mit regionalen, ökologischen und überartlichen Beziehungsgeflechten verwebt und ihn damit aus den kostspieligen Irrwegen der industriellen Stoffströme befreit. Wenn wir das Leben auf dem Acker mehren, Bäume integrieren, in Zeit und Raum gestapelte Mischkulturen vervielfältigen, unser ganzes Wissen nutzbar werden lassen, um die Böden fruchtbar zu machen, dann etsteht Humus, der CO2 bindet und somit der Atmosphäte entzieht, denn er besteht zu sechzig Prozent aus Kohlenstoff (J. Holloway, Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen. 2010 S.76). Mit dem Humus geht es also um alles, zumindest gegen die beiden drängendsten Probleme der Menschheit: gegen den Klimawandel, der große Teile der Erde für Menschen unbewohnbar machen könnte, und gegen die Degradation der Oberböden, die ihnen die Nahrungsgrundlage entziehen könnte. Der Aufbau von Humus muss deshalb oberste Priorität haben, so wie bisher die Akkumulation von Kapital und Konsumgütern die oberste Priorität war.

Dass diese neue Ökologie eine komplett neue Sozioökonomie erfordert, ist selbstverständlich und sollte uns nicht erschrecken – denn sie verspricht uns allen eine lebenswerte Zukunft. Gleichzeitig wird aber auch eine neue Idee der Ökologie benötigt, einer Ökologie nämlich, die nicht einen Bereich außerhalb und unterhalb der Kultur beschreibt – dort draußen im Naturschutzgebiet –, sondern die zu höchsten Form der Kultur wird, die Kultur zu einem Teil der Ökologie werden lässt – eben als artenübergreifende Polykultur.

Nur mit einem solchen Verständnis können wir dem Humus jene Aufmerksamkeit zukommen lassen, die er benötigt – nicht als ein Klumpen Erde, eine Materie, deren Mischungsverhältnis wir messen und qantifizieren können, der wir Fehlendes hinzugeben und Überschüssigens entziehen können. Wenn wir den Boden und mit ihm die Natur als solche nicht als tote Substanz begreifen, sonden als Ausdruck des Lebens, mit dem wir in Beziehung treten, mit dem wir kommunizieren und für das wir Verantwortung übernehmen. Nur wenn wir die Ökologie als ein Uns-Verweben in überartliche Geschichten begreifen, werden wir dem Prinzip Humus gerecht, wenn wir uns mit den Regenwürmern „verwandt machen“, wie Donna Haraway (Unruhig bleiben: Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän. 2018) es ausdrückt, Fans werden von Springschwänzen, die Pilze fragen, was ihnen behagt, den Nematoden dienen.

Wenn wir zu den Dienern und Nährern des Humus werden, wird auch er*) uns wieder mit der Kompostwirtscfhaft beschäftigen, neue Methoden ausprobieren, Bokashi, Holzkohle und effektive Mikroorganismuen, und also das Bodenleben fokussieren, feiern und mehren. Wir können Methoden der pfluglosen Landwirtschaft etablieren und Gemüse oder auch Getreide in Mischkulturen anbauen. Vor allem aber wird es darauf ankommen, dass wir auch Bäume in diese Mischkulturen integrieren. Vergleichen wir die Humusschicht eines alten Waldes mit dem eines Ackers, sehen wir einen gewaltigen Unterschied und das Potenzial, das Bäume auf landwirtschaftlichen Flächen für den Humusaufbau haben. Denn Bäume leiten Kohlenstoff in der Form von Zuckern direkt in den Boden, wo sie ihn den Pilzen übergeben, um im Gegenzug dafür Nährstoffe zu enthalten. Das Ganze ist eine gigantische, artenübergreifende Kohlenstoffpumpe in den Boden. Aber auch das Holz der Bäume selbst ist entscheidend für die Kohlenstoffspeicherung, denn es besteht zur Hälfte aus Kohlenstoff – und wird schon deshalb den Grundstoff postfossiler Stoffkreisläufe bilden müssen.

Wenn wir wieder mit „Stoffen mit Geschichte“ bauen, verbauen wir also Kohlenstoff. Unsere Häuser werden zu Kohlenstoffzwischenlagern, während in ihrer Standzeit in den Baum-Feld-Mischkulturen, von denen ihr Holz stammt, schon die zweite, dritte, vierte Generation von Bäumen heranwachsen, die ebenfalls Kohlenstoff speichern und den Humusgehalt der Böden weiter steigern und das Leben mehren. Baum-Feld-Mischkulturen werden heute unter dem Namen der „Agroforstsysteme“ in der Klimadebatte wieder immer populärer (in Deutschland allerdings mit großer Verzögerung).

In diesem Kontext werden heute auch traditionelle indigene Systeme als Lösungen besprochen und weiterentwickelt. Solche Systeme sind kein Hexenwerk. Schon einfache Baumstreifen, die im Abstand von zwölf bis dreißig Metern (je nach Maschinenbreite) durch die Getreideäcker gezogen werden, können enorm zur Kohlenstoffbindung beitragen, die Holzprokution stärker auf die Felder verlagern, sodass der Druck auf die Wälder abnimmt, und einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten. Komplexere Systeme können Fruchtkomponenten im Gehölzstreifen beinhalten oder eine Kombination von Wertholz und Brennholz zur Energieerzeugung im Kurzumtrieb.

Besonders geeignet ist für Agroforstsysteme in den Klimaverhältnissen Europas die Haselnuss – jener Baum also, der schon unsere mittelsteinzeitlichen Vorfahren ernährte. Durch geschicktes Management lassen sich Haselnussstreifen durch die Felder ziehen, die sowohl Grundnahrungsmittel als auch relevante Mengen Ernegieholz erzeugen können. Wenn wir den Humus füttern wollen, dann brauchen wir dafür natürlich Biomasse. Wenn diese nicht auf derselben Fläche produziert wird, verharren wir in den extraktivistischen Modellen, bei denen womöglich an anderer Stelle Wald gerodet wird, um Holzhäcksel zum Humusaufbau zu produzieren. Haselnussreihen oder andere schnell wachsende Bäume sind eine gute Lösung: Alle paar Jahre werden sie auf den Stock gesetzt, das Holz gehäckselt und in den Boden eingearbeitet. So kann der Humusgehalt effektiv erhöht werden, während gleichzeitig eine reiche Nussernte anfällt.
Solche modernen Agroforstsysteme sind in ihren Funktionen traditionellen Polykulturen sehr ähnlich, nur dass sie ein rationelles, wissenschaftliches Design verpasst bekommen haben. Diese Systeme sind wunderbar, weil sie innerhalb der bestehenden landwirtschaftlichen Strukturen eine schnelle Transformation hin zu Polykultur und Humusaufbau ermöglichen. Hat der Homo oeconomicus sich aber erst wieder zum Homo humus**) entwickelt, dann werden sehr viel kleinteiligere Anbausysteme, die auf die Versorgung lokaler Zusammenhänge ausgerichtet sind, zweckhafter.

Die Auseinandersetzung damit, wie wir durch ökologische Baum-Feld-Kulturen den Klimawandel abmildern können, ist auch deshalb so wichtig, weil sie einen Weg aus der Krise weist und so verhindert, dass Menschen resgnieren, weil es zu spät scheint, um katastrophale Folgen abzumildern, denn die Potenziale der Polykultursysteme für die Anpassung an eine sich radikal verändernde Umwelt und für die Bewältigung der Verwerfungen, die sie mit sich bringen werden, sind enorm – nicht nur in ökologischer, sondern auch in gesellschaftilcher und kultureller Hinsicht. Sie lehren uns, an die Stelle hierarchischer, vereinzelnder Struktur rhizomartige Netzwerke zu setzen, die den Menschen einbinden in die Gemeinschaft und in die ihn versorgende Natur.

Hinzufügungen durch L.Glatz
*) Humus hat als lateinisches Wort „natürliches Geschlecht“. Es ist daher feminin, weil humus fruchtbar ist und alles Leben in und auf ihr ihre Kinder sind.
**) Wir könnten mit Recht „homo humanus“ schreiben, denn dass „humanus“ zu homo (und damit zu humus …) gehört, war dem lateinischen Sprachgefühl stets bewusst und sollte nicht bezweifelt werden“ (Walde-Hofmann, Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 1938. S.663f.)