Covid-19 und SoLawi

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von Lorenz Glatz sen.

Covid-19 ist wie Sars, Ebola und andere eine der in den letzten Jahrzehnten aufgetauchte Seuchen. Sie sind eine Folge des fortschreitenden Eindringens von Menschen ins „Wildlife“ der Ökosysteme der (Nat)Urwälder Afrikas, Asiens und Amerikas, die über lange Zeiträume entstanden sind. Es geht um Berg- und Straßenbau, vor allem aber um die Ausbreitung der Agrarindustrie. Und auch viele Kleinbauern, die von diesen Industrien verdrängt werden, suchen in diesen Wäldern neuen Lebensunterhalt. Dort waren diese neuen Krankheitserreger bisher in eine große Vielfalt des Lebens eingebunden, von „genetischen Schutzwällen“ umgeben. Jetzt aber werden sie durch Rodungen, Monokulturen etc. freigesetzt und springen schließlich auf sogenannte Nutztiere und die Menschen über. Durch den Welthandel und das globale Reisenetzwerk können sie in kurzer Zeit global verbreitet werden. Covid-19 ist die erste dieser neuen Seuchen, die als Pandemie nunmehr auch den Ausgangspunkt dieser Entwicklung, die Industrieländer des globalen Nordens, erreicht.

„Der Planet Erde ist heute weitgehend eine einzige große industrielle Agrarfabrik. Die Agrarindustrie versucht, den Lebensmittelmarkt zu beherrschen. Das neoliberale Projekt ist darauf ausgerichtet, Unternehmen aus den Industrieländern dabei zu unterstützen, Land und Ressourcen schwächerer Länder zu stehlen.“ (der amerikanische Evolutionsbiologe Rob Wallace in einem Interview auf amerika21.de)

Der Menschheit stehen pro Kopf 2.200 Quadratmeter Land für Nahrungsmittel zur Verfügung. Was aber z.B. in Deutschland und Österreich gegessen wird, nimmt das Doppelte in Anspruch. Zwei Drittel davon sind Viehfutter für den überbordenden Fleischkonsum, und überhaupt liegen zwei Drittel der beanspruchten Flächen im Ausland. (s. auf youtube den Trailer zu Kurt Langbeins Doku „Anders essen“ )

Als Gegenkraft zu dieser Art von Produktion und Business ist vor schon über vierzig Jahren „biologische Landwirtschaft“ entstanden. Ihr Bemühen um Kreislaufwirtschaft, die Verwendung natürlicher Düngung und eine ausgewogene Fruchtfolge hat gezeigt, dass die Versorgung mit gesunden und lokalen Lebensmitteln möglich ist. Dieser Anlauf ist jedoch bald zu einem großen Teil an die Grenzen der Macht und der verführerischen Zwänge von Marktwirtschaft und Agrobusiness gestoßen. Er ist ihnen erlegen, an sie angepasst und in sie einverleibt worden. Es hat sich gezeigt, dass dieser Macht und diesen Zwängen einzelne Bauernfamilien und Konsumenten auf dem Markt nicht erfolgreich widerstehen können.

Um das zu ändern, macht sich in den letzten zwei Jahrzehnten eine Bewegung „solidarischer Landwirtschaft“ (SoLawi) bemerkbar. Etwa eine halbe Million Menschen in den EU-Ländern und um etliches mehr noch anderswo haben sich auf diesen Weg gemacht. (European-CSA-Declaration auf solawi.life) Diese Initiativen dienen jeweils der direkten (meist pflanzlichen) Versorgung einer Anzahl von (meist höchstens einigen hundert) Menschen auf kurzen Wegen und in direktem Kontakt. Die „Tauschgegner“schaft (Max Weber) des Marktes – der Käufer will wenig Geld zahlen, der Verkäufer viel bekommen – wird zurückgedrängt. Produzenten und Konsumenten tun sich auf bestimmte Zeit, meist ein Jahr, zusammen, ein beträchtlicher Kern der Mitglieder der Initiativen bleibt stabil dabei. Es gibt keinen Kilo- oder Stückpreis, sondern jede/r trägt pauschal zur Deckung der Kosten bei.

Bei vielen Initiativen geht es – oft schrittweise – weiter: Das Budget wird gemeinsam erstellt und beschlossen. Auch Investitionen sind darin explizit enthalten. Statt Bankkrediten bringen Konsumenten Geld als Vorauszahlung auf. Ein Teil von ihnen beteiligt sich, soweit gekonnt, gemocht und möglich, auch am gemeinsamen Werken auf den Feldern, bei der Verteilung, bei Organisation und Planung, bei der Öffentlichkeitsarbeit und allem, was sich sonst ergibt; vielfach ehrenamtlich, manche für einen Ernteanteil. Zahlen und Nehmen werden ein Stück weit entkoppelt – die finanziellen Beiträge werden nach den eigenen Möglichkeiten selbst eingeschätzt und so angepasst, dass in Summe das Budget gedeckt ist. Und die Entnahme ist in Grenzen frei. Jedes Mitglied nimmt, was er/sie mag und bis zum nächsten Mal braucht. Es geht in Richtung „Prosumenten“ und gemeinsamer Versorgung, zu Formen eines Commons, einer Allmende in Verein, Genossenschaft, Stiftung. Es gibt lokale Kooperationen der Initiativen, Kontakte und manche Formen des Austauschs zuweilen auch weit darüber hinaus.

Angebaut, gepflegt und verteilt wird nach ökologischen Kriterien, kleinteilig, vielfältig und sparsamst bei allem, was Müll ist. Das dient der Fruchtbarkeit und Gesundheit des Lebens im und über dem Boden und macht auch die Ernte durch ihre Vielfalt für Wetterextreme weniger empfindlich. Die auf profitorientierte Großfarmen ausgerichtete Technik soll durch intelligente, auf eine gesunde Wirtschaftsweise ausgerichtete Hilfsmittel, Werkzeuge und Maschinen abgelöst werden. Die SoLawi praktizieren, propagieren und verbreiten gesunde Ernährung mit dem, was lokal in großer Vielfalt in jeder Saison wächst und reift. Es soll damit Schluss sein, dass wir für unsere Ernährung in großem Stil auf Land zugreifen, das andere Menschen zum Leben brauchen.

Solidarische Landwirtschaft geht keineswegs immer glatt, sondern ist ein mitunter schwieriger Verlernprozess des Alten und einer des Lernens und Entwickelns neuer Möglichkeiten und Umgangsformen. „Gutes Essen für alle“ heißt das Ziel in der Europäischen Deklaration der SoLawi. Das ist beträchtlich anders als „Gutes Essen für den, der zahlen kann“. Und erst recht, wenn man dieses Ziel sinngemäß von Basics wie dem Essen auf anderes für ein gutes Leben Brauchbare ausdehnen will. Aber die tiefe Krise unserer Lebensweise kann auch inspirieren. Wir sollten ganz praktisch zu einander finden. Es geht weniger um Änderung des Staats als darum, sich auf den Weg zu machen: unser Leben lokal selbst gemeinsam zu organisieren und geeignete Formen globaler Kooperation aufzubauen.

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