„Zusammenhalt hat keinen Preis“

Von Sara Schaupp

Die Solidarische Landwirtschaft Ouvertura, bei der ich arbeite, ist für mich mehr als Äpfel ernten, Kistl packen und Stall ausmisten. Sie fordert mich heraus, mit Geld so umzugehen, wie ich es zuvor nie geübt habe. Sie verlangt mir neue Konzepte von Arbeit ab. Und sie lockt mein betriebswirtschaftliches Denken aus der Reserve, wie es selten ein Betrieb tut.

Ouvertura, das ist ein Verein, der eine Landwirtschaft führt. Bei dieser Landwirtschaft bin ich angestellt, und mein Gehalt, das wird auf solidarwirtschaftliche Weise festgelegt und finanziert – von uns allen gemeinsam. Unsere etwa 100 Vereinsmitglieder sind formal gesehen meine Chef*innen, sowas Ähnliches und doch etwas ganz anderes als meine Kund*innen, manche sind auch immer mal wieder Kolleg*innen, und nicht wenige sind mit den Jahren Freund*innen geworden. Was uns verbindet: Landwirtschaft so betreiben zu wollen, dass ihr ganzes Potenzial zur Geltung kommt – ihr ökologisches, ihr politisches, ihr soziales Potenzial.

Ouvertura – ein Auftakt mit vielen kleinen Teilchen

2015 macht eine Handvoll von uns den Anfang. Vorhanden sind 12,5 ha Land, schon etwas Hornhaut an den Händen, viel Idealismus und eine ambitionierte Idee: Wir wollen uns als Community mit einer kleinteiligen Landwirtschaft versorgen. Artgerechte Hühnerhaltung mit voller Konsequenz, das ist der Kerngedanke. Um den herum wollen wir einen Betrieb gestalten, auf dem so viel wie möglich in einem Kreislauf verbunden ist. Unser Projekt bekommt den Namen „Ouvertura“ – angelehnt an die Oper, wo die Ouvertüre die Eröffnung bietet für ein buntes Schauspiel. Und weil das Ei auf Rumänisch „Ou“ heißt. Ausgehend vom Ei wächst also auch die Partitur für unsere Landwirtschaft: Kleine Hühnergruppen, die in Mobilställen Stück für Stück über unsere Felder ziehen, Obstbäume, unter denen die Hühner Schutz vor Raubvögeln finden, Ackerbau, bei dem auch Reste als Hühnerfutter anfallen, Gartenbeete und Pilzzucht, dazu noch ein Wald und jede Menge Einkocherei, damit auch nichts von der guten Ernte verschwendet wird.

Ouvertura-Hühner

Ist das denn effizient? Das kommt darauf an. Wenn „effizient“ bedeutet, in kürzester Zeit mit geringstem Aufwand die größte Menge an Gütern zu produzieren und damit den bestmöglichen Profit zu erzielen, dann lautet die Antwort „Nein“. Alles viel zu kleinteilig. Alles viel zu aufwändig. Wer gründet denn heute noch so einen Betrieb?
Bedeutet „effizient“ aber, jene Menge an Lebensmittel zu produzieren, die möglich ist, während das bestehende Ökosystem gefördert wird, und diese dem größtmöglichen Querschnitt an Menschen zugänglich zu machen, dann lautet die Antwort „Ja“. Wenn Ökologie und Soziales mit in die Waagschale dürfen, dann ist das unheimlich effizient. Uns bei Ouvertura gefällt diese zweite Definition deutlich besser. Und nicht wenige von uns wünschen sich, dass wir irgendwann ein Wirtschaftssystem verwirklicht sehen, das diese Perspektive teilt. – Aber erst mal zurück auf den Boden, zurück zum Acker.

Landwirtschaft im Dialog mit der Natur – das heißt auch Zuhören lernen

Kurz nach dem „Ankommen“ auf unseren Feldern im November 2016 wird uns bewusst, in was für einem besonderen Ökosystem wir uns befinden: Nicht nur endemische Schmetterlinge und seltenste Sumpfpflanzen gibt es in Moosbrunn. Direkt auf unseren Flächen brütet der stark bedrohte Große Brachvogel! Seither ist etwa die Hälfte unserer Flächen dem Schutz dieses seltenen Zugvogels mit dem wunderschön trillernden Gesang gewidmet.

Großer Brachvogel

Geht man heute, 2022, über unsere Felder, sieht also auch viel „Gstettn“ – unser Brachvogelschutzgebiet. Daneben die Reihen junger Obstbäume. Abwechselnd mit strohbedeckten Beeten bilden sie einen 3000m² großen Permakulturgarten. Dahinter drei Anhänger mit je ca. 30 Bewohner*innen, unseren Hühnern. In diesen kleinen Gruppen funktioniert ihr Sozialgefüge, sie sind entspannter und damit gesünder, und wir möchten, dass lange leben, nicht nur das übliche eine Jahr, das der klassischen legehenne heute noch vergönnt ist.
Ackerbau im herkömmlichen Sinne betreiben keinen mehr. Warum? Unser Boden, nährstoffreich und dunkelbraun, liegt direkt auf einem größtem Grundwasserreservoirs in Mitteleuropa, der Mitterndorfer Senke. Nicht einmal 2 Meter trennen uns vom wertvollen Nass. Ein Segen in Zeiten des Klimawandels. Aber eben auch ein Fluch, wenn es darum geht, zur rechten Zeit in den Acker zu fahren. Den Mais hacken, wenn es vorige Woche geregnet hat? Fehlanzeige! Daher setzen nun mehr und mehr auf Handarbeit. Obst- und Gartenbau, auch für die Verarbeitung zu Fruchtmus, Pesto & co nehmen einen wesentlichen Platz ein. Strunk und Schale landen als Leckerbissen bei den Hühnern. Am Ende düngt ihr Mist dann wieder unsere Flächen. Ein kleiner Kreislauf besteht!

Obsternte

Solidarisch über den Tellerrand hinaus

Getreide & Co bekommen unsere Mitglieder dennoch, dank einer Kooperation mit einem Hof in der Nähe, der über „traktorfreundlichere“ Flächen verfügt. Auch die Pilzkultur betreiben wir in Kooperation mit einem Betrieb aus der Region. So tastet sich ein kleines Grüppchen landwirtschaftlicher Betriebe an eine solidarische Zusammenarbeit heran, emanzipiert sich ein Stück weit vom Marktgeschehen – und wir rücken näher an die Menschen heran, die wir ernähren.

Für unsere Mitglieder heißt das nicht nur, dass sie die Menschen kennen, die ihre Lebensmittel erzeugen, sondern auch, dass sie nicht alle dasselbe für diese Lebensmittel zahlen. Sie entscheiden individuell über die Höhe ihres Solidarbeitrages – je nach den eigenen finanziellen Möglichkeiten. So stellen wir gemeinsam das Budget auf die Beine, das es braucht, um unsere Produktion ökologisch und fair zu finanzieren. Daher auch unser Motto „Zusammenhalt hat keinen Preis“.

Wir wollen noch wachsen – im richtigen Maß

Was wir mit unseren Hühnern gemeinsam haben? Auch unsere Gruppe soll überschaubar bleiben. Das heißt: Unser Betrieb wächst nicht ewig weiter. Wir wollen einander kennen können, damit dieser Zusammenhalt auch spürbar ist und gelebt werden kann. 100 Mitglieder zählt unser Verein derzeit, in etwa 120 wollen wir noch werden, dann ist unser Betrieb „ausgewachsen“. Wir freuen uns also noch über Interessierte, die bei unserer SOLAWI mitmachen und in den Genuss unserer Lebensmittel kommen wollen – genauso wie über Motivierte, die ihre eigene SOLAWI gründen möchten. Dadurch wachsen „wir“ nämlich auch – indem es viele von uns gibt, vielfältig, kleinteilig und so nah wie möglich an denen, die unsere Ernte genießen.

Süßkartoffeln ernten

Sara Schaupp, 33,
BA Internationale Entwicklung
Gärtnerin am zweiten Bildungsweg,
Mitgründerin und Angestellte der Solawi Ouvertura,
lebt in Moosbrunn.

Betriebsspiegel

Betriebsform: SOLAWI, Betriebsführung durch den Verein Ouvertura
Freie Plätze für Lebensmittelbezug: Ja
Art der Lebensmittelverteilung:
A)“Kistl“ an Abholstandorten in Wien, Moosbrunn und Mödling.
B) „Freie Entnahme“ = Selbst-Zusammenstellung der Lebensmittel nach Bedarf in Wien.
Kosten: Solidarische Selbsteinschätzung
Flächen: ca. 12,5 ha Acker (ca. 4 ha verpachtet, ca. 4,5 ha Artenschutzgebiet, ca. 4 ha in eigener Kultivierung: Wechselweiden für Hühner, 1.000 m² Nussbaumkultur, 3.000m² Obst & Gemüse, 130 m² Folientunnel), 4,5 ha Wald .
Tiere: 90 Hühner, 3 Hähne, 4 Bienenvölker, 1 Brachvogelpärchen
Betriebsteam: 3 Vollzeitkräfte, 2 Teilzeitkräfte, 2 Ehrenamtliche, SOLAWI-Mitglieder, Praktikant*innen.
Website: www.ouvertura.at
Ouvertura bei der ÖBV Gemüse-Exkursion: